Auszüge aus unveröffentlichten Texten

Romanmanuskript
Arbeitstitel: DER KATHOLIK

...Hier und da wurde ihnen ein Schwachwerden noch verziehen. Zum Beispiel unter der Dusche, wo ihnen die erregende Berührung ihrer selbst mit ihren glitschig seifigen Fingern unterm warmen Wasserstrahl als entschuldigender Umstand angerechnet wurde. Sie fühlten sich verstanden, ihre großen Vorbilder waren Menschen, waren Männer, die auch gelitten hatten. Sie waren Männer, die sich duschten und doch das Laster überwunden hatten. Denn jeder, der die Priesterweihe empfing, musste sich der Frage stellen, ob ihm in den letzten zwei Jahren, mindestens jedoch im letzten Jahr durch Gottes Gnade die erprobte Keuschheit geschenkt worden war. Sie waren Priester. Sie hatten die Frage mit “Ja” beantworten können...

...Seit den Achtzigern tragen Krankenschwestern keine Nylons mehr. Oder fing das mit den Schwesternhosen schon früher an? Am Schlachtensee, an der Krummen Lanke und in Biarritz badete man schon lange nackt, fast niemand ging mehr jungfräulich in die Ehe, Jakob beichtete nicht mehr, seine Sünden waren ihm über den Kopf gewachsen, und den Frauen gefielen seine neuerdings hellen Schläfen. Wenn es je die Möglichkeit gab, sich unauffällig seines Glaubens zu entledigen, ohne darüber unglücklich zu werden, dann waren die achtziger Jahre die besten dafür...

...Vater starrt Konstanze an. Seine Augen weiten sich, sein Arm wird lang, sehr lang, wie eine Brücke spannt er sich quer durch den Raum, und er legt ein schwarzes Buch auf einen turmhohen Schrank. Der weiß gefiederte Engel, der auf Konstanzes rechter Schulter sitzt, knurrt. Ein zweiter hockt auf dem Turmschrank und fletscht die Zähne. Er hat schwarzes Borstenfell. Jetzt heben die beiden ab, gehen aufeinander los, fliegen durch die Luft, ein sirenenhaftes Heulen saust um Konstanzes Kopf, hallt in ihrem Gehörgang wider, schwillt an zu einer schneidenden Dissonanz, die beiden verheddern sich in ihrem Haar, zerren daran, schon löst sich ihre Kopfhaut, um sie herum stieben die weißen Federn des einen Engels, die schwarzen Borstenhaare des anderen und dicke Büschel ihrer eigenen roten Locken, an denen ihre Kopfhaut in blutigen Fetzen hängt. Sie schreit auf und erwacht...

KRUNG THEB

Kurzgeschichte

Der flache Schlaf einer Monsun–Nacht endet in trägem Erwachen. Die Geräusche des Morgens sickern durch die Wände. Vom Fluss her knattern die Außenbordmotoren der langschwänzigen Boote, von etwas weiter rauscht der Straßenverkehr herüber, die Frauen und Kinder im Nachbarhaus setzen mit ihren Stimmen hochfrequente Akzente. Es ist die dämpfende Membran der ewigen Feuchtigkeit, die das Klangbild weichzeichnet wie ein vergilbtes Foto...


Auszüge aus Veröffentlichungen

DANN KLAPPT‘S AUCH MIT DEM NACHBARN

Roman

...Manchmal fühlte sie sich wie in einem Haus, wo eine Art Anti–Mary–Poppins ihr Unwesen trieb. Mit Tante Edda hatte sie den Musicalfilm einmal am zweiten Weihnachtsfeiertag gesehen. Mary Poppins hatte mit den Fingern geschnippt, und das ganze Kinderzimmerchaos flog wie von Magneten angezogen kreuz und quer, dann landete jedes Ding an seinem ihm zugedachten Platz. Wäsche faltete sich in der Luft und rutschte in die Kommodenschubladen. Aufgeschlagene Bücher klappten zu und sausten in der richtigen Reihenfolge ins Bücherregel. Mit offenem Mund hatte Anne diese Szene verfolgt. In ihrem Leben war es genau umgekehrt. Da schien eine böser Geist an allem, was sie umgab, zu zerren und es an den falschen Platz zu setzen...


DORNRÖSCHEN WAR EIN SCHÖNES KIND

Roman

...Der Benz steht nun blitzsauber tropfend vor der Waschstraße und wird sorgfältig abgeledert. Mit feinstem Handschuhleder und Flüssigprodukten, die eigens für die Weltraumforschung entwickelt wurden. Im Vorübergehen ruft Mandy: “Nicht so häufig, Papa. Ist ungesund für erwachsene Männer!” Horst Magen zieht sich zusammen...


LORES LUDER

Kurzgeschichte

...Der Weihnachtsstrauß ist schön. Sagt die Tochter. “Meinst du vielleicht, der Papa hätte einen Baum schleppen können?”, entgegnet Lore. Zwei Päckchen hat die Tochter mitgebracht, in teures Geschenkpapier gewickelt. Lore erkennt das sofort. Die reine Verschwendung. Die Tochter bückt sich und legt die Päckchen neben die Bodenvase. Einen ganz hübsch dicken Hintern hat sie in ihren engen Hosen. Sie geht auseinander mit den Jahren, soll sich bloß nichts einbilden. Da hilft auch nicht die verrückte Kurzhaarfrisur...


TOD IM SONDERANGEBOT

Kurzgeschichte

...“Ist dies Jahr nicht ihr Neunzigster, Frau Schmitz?” “Ach hörn sie mir auf! Neunzig zu werden, hab ich nie vorgehabt, nun muss ich‘s wohl. Aber danach ist Schluss.” Elfi hat genügend Schlaftabletten gesammelt. “Sagen Sie doch so was nicht! Sie werden Hundert!” “Ich sage Ihnen, was Neunzig sein bedeutet. Der Tod kommt. Das bedeutet es. Wer wird sich darüber wundern? Oder bockig werden? Jetzt heißt es eben abwarten, die Wohnung immer schön aufräumen, keine Dreckwäsche ansammeln, das Testament auf den neusten Stand bringen und sich noch ein paar schöne Tage machen.” “Na ja, für den Fall der Fälle kann man schon vorsorgen.”, sagt Krüger. Hat sie ja. Außer den Schlaftabellen hat sie auch starke Schmerzmittel. “Wissen Sie, was eine Beerdigung heutzutage kostet?”...


BE BERLIN

Kurzgeschichte

Wir küssten uns wie die Blöden. Zwei Songs lang. Oder drei. Keine Ahnung. Ich war weg. Irgendwo im Kosmos. Und dann war er plötzlich weg. Inzwischen war auch Roggi aufgewacht, und jetzt titschte er ziemlich orientierungslos durch den Club. Er tat mit leid, aber was sollte ich machen, wenn Harry nun mal auf mich und nicht auf ihn stand. Dass Stasi womöglich auf den Klo wieder eingeschlafen war, war mit egal...


Freunde: platte mitte - no hotel |